Offener Brief zur Unterstützung der russischen Zivilgesellschaft

Dr. Elena Stein,
Leiterin des Center for Independent Social Research Berlin
Russland hat die Ukraine brutal und unrechtmäßig angegriffen. Millionen von Ukrainer:innen fanden sich von einem Augenblick zum nächsten in einer Lage wieder, in der der Kampf um das Leben und die Freiheit zur schrecklichen Realität geworden ist. Das Ausmaß der Gewalt und die Verletzungen jeglicher Rechte und Ethik erklärt die Fassungslosigkeit der gesamten demokratischen Welt.

Ich schreibe diesen Appell aus Russland, wo ich rund drei Wochen vor der Kriegserklärung durch Vladimir Putin, im Rahmen meiner langjährigen Projektätigkeit in dem Land, unter anderem zur Unterstützung der Zivilgesellschaft, eingereist bin.

Die Reaktionen der demokratischen Länder in den letzten Tagen unterstütze ich ausdrücklich und hätte mir schon früher entschiedene Schritte gegen die wachsende Diktatur gewünscht. Die Sanktionen und anderen Beschränkungen, aber auch die Lieferung von Waffen und militärischer Ausrüstung an die Ukraine zielen in erster Linie darauf ab, das Leben von Ukrainer:innen zu retten. Die Moskauer Führung hat sich für den Weg der Isolation Russlands entschieden. Diese Isolation zu erzeugen ist in der Kriegslage, eine der zentralen Abwehrstrategien der EU darin auch Deutschlands.

Da ich mich noch immer im Land des Aggressors befinde, sehe ich aber auch die Kollateralschäden der Isolation. Ich muss daher auch darüber sprechen. Wir in der EU sollten unbedingt vermeiden, unsere russischen Kolleg:innen, Partner:innen und Gleichgesinnten kollektiv mit den Sanktionen und Einschränkungen zu bestrafen. Die Führung in Russland hat, unabhängig vom Ausgang des Krieges in der Ukraine, im Inneren bereits vor vielen Jahren einen Kurs der Repression eingeschlagen, der insbesondere diese Menschen treffen wird.

Eben deswegen brauchen sie jetzt mehr denn je unsere europäische Unterstützung und sollten wir auch antizyklisch handeln. Die Streichung gemeinsamer Bildungsprogramme, wissenschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Initiativen und Kooperationen sowie die Beschränkung der Einreise nach Deutschland werden die isolationistische Politik Putins und seiner Regierung nur unterstützen und die demokratisch gesinnte Zivilgesellschaft und Intelligenz zusätzlich in Bedrängnis bringen.

Auch wenn es derzeit schwer vorstellbar ist und sogar als naiv angesehen werden könnte, möchte ich als in Deutschland lebende russische Staatsbürgerin an eine gute demokratische Zukunft Russlands glauben. Dafür steht die sehr vielfältige Zivilgesellschaft im Land ein.

Ich bitte daher darum, die Beziehungen zur russischen Aktivist:innenngemeinschaft nicht abzubrechen und keine Sanktionen oder Beschränkungen gegen russische Bürger:innen zu verhängen, deren Aktivitäten auf den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft im Lande gerichtet sind. Vor allem möchte ich darum bitten, verfolgten Menschen nicht die Einreise in die EU zu untersagen. Es geht mir in keiner Weise darum, das Leid der Ukrainer:innen zu verharmlosen – doch ich bitte darum, auch das Leid meiner Partner:innen in Russland zu berücksichtigen, die ebenfalls Opfer Putins sind und seiner derzeit unendlich scheinenden Macht ausgeliefert sind.
Der Brief kann hier unterschrieben werden
Beyond new wave of mythologization of WWII
Im Rahmen des 75-jährigen Ende des zweiten Weltkrieges realisiert der CISR e.V.Berlin das Projekt "Beyond new wave of mythologization of WWII". Die Projektteilnehmer – öffentliche Intellektuelle der Postsowjetischen Genaration – werden die Möglichkeit erhalten, umfangreiche Erfahrungen in der Vergleichsanalyse der Errinerungspolitik, Ritualen und Diskursen zu sammeln; verschiedene Orte der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in vier Ländern zu besichtigen: Russland, Belarus, Polen und Deutschland. Das Hauptziel des Projekts ist die Schaffung von Bedingungen für die nachhaltige Entwicklung einer kritischen Herangehensweise an die Politik der Heroisierung und Mythologisierung der Kriegsereignisse.
Friedliche Konflikttransformation
Konflikte im postsozialistischen Raum: Forschung und Beitrag zur friedlichen Transformation
Urbaner Aktivismus
Städtische Aktivismus. Forschung und Projektarbeit zu dem städtischen Aktivismus auf postsowjetischem Raum.
Küchensoziologie
"Küchensoziologische Abende" bei CISR e.V. Berlin sind bereits traditionelle öffentliche Diskussionen, von denen die erste am 21. Februar 2017 stattfand. In freundlicher Atmosphäre werden bei einem Glas Wein auch Rezepte für soziologische und anthropologische Forschung diskutiert. An diesen Abenden laden wir Spezialisten ein, die die Kraft haben, exquisite intellektuelle Gerichte zu kreieren, und professionelle Verkoster, die sie schätzen können.
Migrations- und Integrationspraktiken
Forschung zu Migrationsprozessen und Entwicklung neuer Integrationspraktiken
Zentrale Tätigkeitsbereiche und – Formate des CISR sind:


  1. Konzeption und Durchführung von Forschungsprojekten in folgenden Bereichen: Migrations- und Urbanitätsforschung, soziale Bewegungen, Konflikte und Erinnerungspolitik.
  2. Erstellung von Analysen sozialer, kultureller und politischer Prozesse in Osteuropa und postsowjetischen Staaten durch Expert*innen.
  3. Angewandte Bildungsarbeit und Entwicklung von transnationalen zivilgesellschaftlichen Netzwerken, Vereinigungen und Organisationen.
  4. Tätigkeiten im Bereich friedlicher Konflikttransformationen und Schaffung von Dialogplattformen.
  5. Erstellung von gemeinwohlorientierten Bildungsprogrammen, Weiterqualifizierungsmaßnahmen für Jugendliche und junge Expert*innen im Bereich der Sozialwissenschaften, Geschichtswissenschaft und Massenmedien.
  6. Erstellung und Publikation von analytischen Studien, Forschungsberichten und Lehrmaterialien.
Das Center for Independent Social Research (CISR) e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der 2015 in Berlin von Sozialwissenschaftler*innen, Expert*innen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen gegründet wurde. Seine Hauptziele sind die Unterstützung und Durchführung von sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekten sowie die Förderung zivilgesellschaftlicher Entwicklungen in postsozialistischen Ländern.
Die forschungserfahrenen CISR-Mitglieder setzen zivilgesellschaftliche Projekte professionell um und definieren Herausforderungen, mit denen postsozialistische Gesellschaften konfrontiert sind. Ihre wissenschaftlichen Analysen ebnen den Weg zu effektiven Konzepten im Umgang mit diesen Herausforderungen.
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